Wir brauchen neue Denkmuster!

In Kooperation mit der Donau-Universität Krems lud die WALDVIERTEL AKADEMIE am 10. November 2017 zum Vortrag “Dann stecken wir doch die Köpfe zusammen” in das BG/BRG Gmünd. Dabei standen Komplexe System und das Lösen von Herausforderungen im Mittelpunkt der Ausführungen von Kay Mühlmann.

„Wenn Sie heute vom Wort ‚komplex’ träumen, würde mich das nicht wundern“, verwies Mühlmann gleich zu Beginn auf die Häufigkeit der Verwendung des Wortes in seinem Vortrag hin, „aber es ist eben alles mehr als nur die Summe der Teile. Jeder von uns sieht nur einen Teil und kommt zu ganz anderen Schlussfolgerungen. Es geht um die Kommunikation, die über die Grenzen hinausgeht.“

Mühlmann sprach über komplexe Probleme, die über eine Vielzahl von änderbaren Faktoren verfügen und somit auch nicht mit einfachen logischen Lösung klärbar seien. Als Beispiele dafür führte er die Ernährungssicherheit, Migration, Klimawandel und die Ressourcenknappheit an. „Die Herausforderungen bei diesen Themen haben unterschiedliche Gesichter“, so Mühlmann, „und werden uns in den nächsten Jahrzehnten intensiv beschäftigen. Wir werden sie auch lösen müssen, damit unsere eigene Lebenswelt nicht aus den Angeln geworfen wird.“

„Es gibt keine singuläre Entwicklung“, so Mühlmann, „ein System entwickelt sich mit seiner Umwelt weiter. Ein System kann seine Dynamik auch von Grund auf ändern.“ Massenpanik sei ein Beispiel für den Wechsel eines Zustands: „Hier kommt es zur Änderung von Systemregeln.“

In weiterer Folge klärte Mühlmann über seine Forschungsinhalte auf. „Es geht um die wissenschaftsbasierte Untersuchung und Lösung von komplexen ‚real world’-Problemen. Mit dem Ziel der Entwicklung von nachhaltigen und machbaren Lösungen. Wir müssen voneinander lernen, uns gemeinsam an einen Tisch setzen und versuchen, neue Denkmuster zu schaffen.“ Der Wissenschafter konnte hier auch bereits einige umgesetzte Lösungsansätze präsentieren, wie zum Beispiel die Züchtung einer bestimmten Fliegenart („Soldatenfliege“), die in Afrika für leistbare Tierfutterproduktion sorgt. „Es ist die Geschichte der Fliege und wie sie Welt retten könnte“, so Mühlmann zum Abschluss eines sehr interessanten und spannenden Abends.

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Das Waldviertel braucht Zuwanderung!

Mit der Diskussion „Fremd am Land. Integration im Waldviertel gestern – heute – morgen“, die am 17. Oktober 2017 im neuen Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich und in Kooperation mit dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde stattfand, kehrte die WALDVIERTEL AKADEMIE mit ihrem Programm nach längerer Zeit auch in die Landeshauptstadt St. Pölten zurück.

Moderator Reinhard Linke gratulierte Geschäftsführer Matthias Pacher gleich zu Beginn zum Erfolg des Hauses der Geschichte, welches im ersten Monat seines Bestehens bereits sensationelle Besucherzahlen feiern konnte. Danach wurde umgehend in die umfangreiche Thematik Integration und Migration eingeführt, welche an diesem Abend nicht nur aus aktuellen Gesichtspunkten, sondern auch mit geschichtlichem Hintergrund diskutiert wurde.

Elisabeth Loinig, Leiterin des NÖ Institutes für Landeskunde, bezog sich in ihrem Eingangsstatement auf den ersten Weltkrieg und verwies dabei auch auf die Ausstellung „Fern der Front 1914-1918“. „Das größte Flüchtlingslager des Waldviertels befand sich in Gmünd“, so Loinig, „die Unterbringung und die Versorgung waren natürlich eine große Herausforderung.“ Im Barackensystem gab es kaum Kontakte zur „Aussenwelt“, die Behörden waren aufgrund der Flüchtlingsanzahlen überfordert: „Die Integration ist hier gescheitert“, so Loinig.

Einen Schritt weiter ging der Historiker Niklas Perzi, der unter anderem für die Österreichische Akademie der Wissenschaften auch am gemeinsamen österreichisch-tschechischen Geschichtsbuch arbeitet. „1945 gab es 6 Millionen autochthone Österreicher und 1,2 Millionen Nicht-Österreicher“, so Perzi, „auch hier waren Essen und Wohnen die Hauptgebiete, die zu lösen waren.“  Die Leute hätten aber probiert, selbst unterzukommen, unter anderem in Scheunen und Bauernhöfen. „Letztendlich war die Integration in Niederösterreich aber eine Erfolgsstory“, so Perzi, „man kann das aber nicht mit heute vergleichen. Die Leute damals hatten eine ähnliche Sprache, Mentalität, Berufe und Religion.“

Murat Düzel, Fachexperte für Integrationsangelegenheiten beim Land Niederösterreich, ging auf die aktuelle Situation ein. „13,8 Prozent der niederösterreichischen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Für uns sind die soziale Integration und die Identität sehr wichtig. Der Spracherwerb ist aber ganz klar die Eintrittskarte in die Integration“, so Düzel.

Mit den zusätzlichen Herausforderungen, die Fremdsein in ländlichen Gebieten mit sich bringen, beschäftigte sich die Geschäftsführerin des  Zentrums für Migrationsforschung Rita Garstenauer. „Wir haben uns auf die Verbindung von historischer und gegenwärtiger Migrationsforschung spezialisiert, vor allem am Land“, so Garstenauer, die vor allem die größeren Distanzen, die schlechtere Infrastruktur und die Unterstützung durch das Ehrenamt betonte.

Über die Digitalisierung und Automatisierung für eine bessere Zukunft im ländlichen Raum sprach Migrationsexpertin Gudrun Biffl. Sie sprach in ihrem Statement auch die zunehmende Abwanderung in der Region Waldviertel an, ein Thema, welches von WALDVIERTEL AKADEMIE-Vorsitzenden Ernst Wurz sofort relativiert wurde: „Bezirksmäßig gesehen gibt es im Waldviertel eine positive Zuwanderungsbilanz. Die Trendwende wurde also geschafft, es ist aber noch viel zu tun. Aber: 200 Betriebe suchen über 700 Arbeitskräfte, das Waldviertel braucht also Zuwanderung und Mehrkindfamilien, wenn es weiter zukunftsfähig bleiben will. Wir sollten jetzt entscheiden, welche Arbeitskräfte in der Region benötigt werden. “ Vor allem dieses Thema sorgte in der anschließenden Diskussion noch für einen lebhaften Ausklang eines spannenden Abends.

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Leben nicht nur in einer analogen Welt!

In Kooperation mit der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems und der Donau-Universität Krems lud die WALDVIERTEL AKADEMIE am 10. Oktober 2017 zum Vortrag “Das digitale Zeitalter ist zu Ende. Der Mensch übernimmt wieder das Kommando” in das BG/BRG Waidhofen/Thaya. Das Interesse an den Ausführungen von Golli Marboe war dabei sehr groß.

Bürgermeister Robert Altschach bezog sich bei seiner Begrüßung auch auf die politischen Vorgänge der letzten Wochen. “Wenn Sie das digitale Zeitalter beenden können, würde ich Sie zum Ehrenbürger in Waidhofen machen”, so Altschach augenzwinkernd zu Marboe.

Golli Marboe selbst, Journalist und Medienexperte, der mit seinem Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgang mit Medien auch Institutionen und Personen aller Altersklassen berät, verstand es dann einen kurzweiligen Überblick über ein sehr umfangreiches Thema zu geben. “Ich bin mit Medien aufgewachsen und habe deshalb keine Angst davor, ich freue mich, da ist sehr viel Service drin’”, so Marboe eingangs, “wir brauchen aber auch das Handwerkszeug für diese vierte Kulturtechnik, der selbstbestimmte Umgang mit Medien muss im Unterricht verankert werden.”

Auch mit den Jugendlichen sollte auf Augenhöhe kommuniziert und umgegangen werden. “Wir sind immer zu spät, wenn wir glauben, das machen zu müssen, was unsere Kinder machen”, so Marboe, der auch darstellte, dass die Gruppe, die am meisten in sozialen Medien aktiv ist, Frauen zwischen 30 und 40 sind. Auch vor der Angst vor Social Media und Co. relativierte er: “Medien sind technische Geräte, die nicht böse und nicht gut sind. Sie selbst bleiben derjenige, der die Medien füttert. Medienkonsum ist integraler Bestandteil unseres Alltags. Wir leben nicht mehr nur in einer analogen Welt und man kann diese beiden Welten auch nicht voneinander trennen.” Diese Behauptung untermauerte der Medienexperte auch mit Zahlen: “Letztendlich hat man derzeit mehr mit Medien zu tun, als man schläft. Dabei ist das Fernsehen nach wie vor das Leitmedium, vor allem für Kinder bis acht Jahre.” Hier plädierte Marboe für einen öffentlich-rechtlichen Kindersender, um Kinder besser zu informieren und vor Werbung zu schützen.

DSC_0263Für eine Unsitte hält Marboe auch die Benutzung von Nicknames in sozialen Medien. “Das muss beseitigt werden. Nicknames sind kontraproduktiv und ein großes Problem, weil wir unser Gegenüber nicht als Mensch ansehen, dem etwas weh tun kann.”

Bildung, Medien und Demokratie sind für Marboe ein “schöner und wichtiger Dreiklang”, weshalb auch journalistische Tugenden im Unterricht verankert werden sollten. “Wir brauchen mündige Bürger, die erkennen können, was guter Journalismus ist. Die Gratiszeitungen sind viel gefährlicher als das Netz”, so Marboe. Aufgrund der Schnelligkeit werden sich Medien ändern, weg von den Nachrichten hin zu Kommentaren.

In einer anregenden und spannenden Diskussion verlieh Marboe seinen Ausführungen und Forderungen noch einmal Nachdruck: “Wir müssen den Umgang mit Medien bereits in den Schulen lernen!” Äußerst erfreut über die bunte Mischung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – Schüler und Jugendliche, Eltern und Lehrer sowie Bürgerinnen und Bürger aus der Region – zeigte sich auch WALDVIERTEL AKADEMIE-Vorsitzender Ernst Wurz, der betonte: “Seriöse Information ist dann möglich, wenn Quellen hinterfragt werden können und der verantwortungsvolle Umgang mit Medien früh gelernt wird.”

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Friede: Mehr als Abwesenheit von Krieg

Unter dem Titel “Bertha von Suttner – Gedenken an eine berühmte Österreicherin” lud der Verein Kulturen an der Grenze gemeinsam mit der WALDVIERTEL AKADEMIE am 28. September zu einer Diskussion in die Orangerie des Schlosses Harmannsdorf.

 Politikwissenschafterin Sabine Stadler hatte den Abend, der dank der Unterstützung der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung ermöglicht wurde, konzipiert und führte nach der Begrüßung durch den Obmann des Internationalen Bertha von Suttner-Vereins Albert Reis auch in das Thema und Leben der berühmten Österreicherin ein. In Prag geboren, danach in Österreich – unter anderem auch im Schloss Harmannsdorf aktiv und gelebt – bis zu ihrem Tod 1914 in Wien. “Bertha von Suttner war Europäerin”, so Stadler.

Danach standen die beiden Expertinnen Elisabeth Hewson – sie hat ein Buch für Jugendlich unter dem Titel “Bertha” verfasst – und Konfliktforscherin Elisabeth Jalka im Mittelpunkt. In einer äußerst launigen Doppel-Conference, die mit vielen Hintergrundinformationen zum Leben der Bertha von Suttner gespieckt waren, gestalteten die beiden einen sehr kurzweiligen Abend, der sich auch mehr Zuhörerinnen und Zuhörer verdient hätte. Hewson schilderte auch ihre Beweggründe, ein Kinderbuch zu verfassen: “Die Idee kam mir beim Skifahren. Ich dachte mir, wie kann ich die Geschichte adäquat für Jugendliche erzählen. Und wie kann den Grundgedanken vermitteln: Wie kämpferisch muss ich sein, um Frieden zu stiften.”

Die beiden Damen berichteten nicht nur über das Leben von Bertha von Suttner, 1843 geboren und als erste Frau 1905 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, sondern auch über ihre eigene Arbeit und Erlebnisse mit den Gedanken der berühmten “Friedensbertha”. “Nur wo Konflikte sind, kann etwas entstehen”, so Jalka, “das Leben ist Bewegung und Bewegung ist Konflikt. Wir alle haben Angst vor Konflikten, weil wir nie gelernt haben zu straiten. Wir müssen das aber lernen, damit kann man so vieles verstehen.” Autorin Hewson hatte nach dem Appell von Jalka auch gleich einen Tipp parat: “Ich hätte mir gewünscht, dass alle derzeitigen Wahlkämpfer hier wären. Bei uns in Österreich gibt es ja keine Diskussionskultur.”

In einer spannende Diskussion auch mit dem Publikum wurde auch das Vermächtnis der Bertha von Suttner in der heutigen Zeit angesprochen. “Sie hat so viele Steine ins Rollen gebracht”, so Jalka, “oft hört man, sie ist gescheitert, aber das ist ein Blödsinn. Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Friede ist die Beschäftigung mit Konflikten. Das haben wir auch von ihr gelernt.” Beide Expertinnen kritisierten aber auch, dass es bis heute kein Denkmal und zu wenig Würdigung in Österreich für die berühmte Friedensforscheirn gegeben hat. “Je mehr Menschen über sie sprechen, desto mehr Aufmerksamkeit wird sie in der Gesellschaft bekommen”, so Jalka, “es gibt aber keine Partei oder ähnliches, die sich für sie einsetzen würde. Sie hat zu wenig Würdigung in der Stadt, der Geschichte und in Büchern – dabei begeistert ja vor allem ihre Zivilcourage.”

“Die Beschäftigung mit der Person Bertha von Suttner, ihrem Leben und ihren Thesen passt perfekt zu einer Institution wie der unsrigen”, so WALDVIERTEL AKADEMIE-Geschäftsführer Christoph Mayer, “wir haben einen wunderbaren und spannenden Abend erlebt und ich danke allen Beteiligten für die Zusammenarbeit”.

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Müssen alle an einem Strang ziehen!

„Landarzt adé. Medizinische Primärversorgung im Waldviertel im Jahr 2030“ lautet der Titel einer Diskussion der WALDVIERTEL AKADEMIE (in Kooperation mit der Niederösterreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin) am 22. September 2017 im Gemeindesaal Windigsteig. Der Andrang dazu war groß, fast 150 Interessierte waren, unter ihnen auch viele Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gesundheitsbereich, gekommen.

Wie sieht das Gesundheitssystem der Zukunft aus und wie kann die medizinische Versorgung auch in ländlichen Gebieten wie im Waldviertel angesichts der steigenden Zahl an fehlenden Allgemeinmedizinern gesichert werden? Diese Fragen stellten den Grundtenor der Veranstaltung zu einem hochaktuellen Thema dar. Josef Baum, Ökonom und als Obmann des Verkehrs- und Regionalforums Waldviertel aktiv, stellte gleich zu Beginn klar: „Das Gesundheitssystem ist spitze, aber die Frage der Verteilung in räumlicher und sozialer Hinsicht ist wichtig.“ Er berichtetet, dass mehr als die Hälfte der Vertragsärzte in der Region über 55 Jahre alt seien. „Wie sind diese Stelle nachzubesetzen und mit welchem Geld?“, so Baum, der auch von einer insgesamt vergleichsweisen höheren Versorgungsdichte sprach, was aber in einer Region mit geringer Bevölkerungsdichte nur wenig Aussagekraft über den realen Zugang zu medizinischer Versorgung hat.

DSC_0107Aus den Regionen berichteten Bürgermeister Karl Harrer (Kleinregion Waldviertler StadtLand) und Bürgermeisterin Anette Töpfl (Zukunftsraum Thayaland). Hier wurde erstmals auch ein direkter Appell (weitere sollten folgten) an die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse (trotz Einladung konnte kein Vertreter für diese Diskussion gewonnen werden) gerichtet. „Die NÖ GKK ist bestrebt, diese Stellen, die frei werden, nachzubesetzen“, so Harrer. Töpfl sprach von positiven Beispielen in Thaya und Gastern, wo für pensionierte Landärzte ein Nachfolger gefunden werden konnte. „Um hier perfekte Voraussetzungen zu schaffen, ist aber auch ein großer finanzieller Aufwand, oft zwischen 100.000 und 300.000 Euro, notwendig“, so Töpfl, die betonte: „Wir müssen unsere Region positive darstellen und mit der Lebensqualität vor Ort werben.“

Susanne Rabady, selbst Allgemeinmedizinerin in Windigsteig, lenkte die Aufmerksamkeit dann auf die Ausbildung. „Allgemeinmedizin ist kein anerkanntes Fach, das ist eine Katastrophe. Es gibt keine ausreichende Ausbildung zum Hausarzt“, so Rabady. Sie selbst genieße ihren Beruf, dennoch sei für junge Ärzte eine Niederlassung auf dem Land ein Risiko für die Zukunft, dass schwer abschätzbar sei. „Die finanziellen und bürokratischen Hürden sind hoch, die Arbeitszeiten sind natürlich auch nicht toll“, so die Ärztin, die auch forderte: „Wir brauchen ein Maßnahmenpaket, dass alles gemeinsam behandelt und wieder mehr Landärzte in die Regionen bringt. Es gibt immer noch keine Finanzierung für den Ausbildungsbestandteil Lehrpraxis, hier ist dringlichst das Bundesgesundheitsministerium am Zug.“

Der Allentsteiger Gemeindearzt Karl Danzinger berichtete, dass im Waldviertel derzeit drei Landarzt-Stellen vakant seien. „Wo sollen diese Ärzte herkommen?“, fragte Danzinger, der auch die Idee der Primärversorungszentren kritisierte. „Wie sollen die Ärzte hier bezahlt werden? Für die ländlichen Regionen ist so ein Zentrum sicher nicht geeignet. Primärversorgungszentren sind nur in den Städten möglich, aber was ist dann mit den anderen Orten in der Region?“

Stichwort für Silke Eichner, die selbst in Oberösterreich im Gesundheitszentrum „die Hausärtze“ in Enns tätig ist. „Wir hatten lange Vorbereitungen, sind aber nun froh, dass wir dieses Zentrum haben und arbeiten mit allen Beteiligten sehr gut zusammen“, so Eichner. Im Zentrum sind neben den Allgemeinmedizinern u.a. eine diplomierte Krankenschwester, eine Logpädin, eine Physiotherapeutin, ein Sozialarbeiter, eine Ergotherapeutin und eine Diätassistentin tätig. „Gerade für ältere Patienten ist das ein Vorteil. Jeder hat seinen Hausarzt, das Zentrum wurde gegründet, um die ärztliche Versorgung sicherzustellen.“

Ulrike Schuster, frei praktizierende Hebamme aus Hoheneich, Amra Karadza, leitende Pflegefachkraft beim NÖ Hilfswerk, Volkshilfe-Regionalleiterin Gerlinde Oberbauer und Caritas-Pflegedienstleiterin Helga Tersek berichteten im Anschluss auch aus ihrer erlebten Praxis. „Wir müssen auch Fachärzte nachbesetzen, nicht nur Allgemeinmediziner“, erinnerte Schuster. „Wir sind auf unsere Hausärzte angewiesen“, war der Tenor der Diskutierenden, „ohne sie werden wir am Land nicht überleben können.“ Tersek ließ zum Ende auch aufhorchen: „Uns geht es in der Hauskrankenpflege auch nicht besser, haben einen Mangel an dieser Berufsgruppe.“

Im Anschluss an die Ausführungen auf dem Podium war auch das Publikum gefragt, sich in die Diskussion einzubringen und Fragen zu stellen. Andreas Gold, Radiologe aus Waidhofen, stellte dabei emotional seine Sicht der Dinge dar: „Wir sind in der Phase der Reanimation, was unser Gesundheitssystem betrifft. Wir bilden zu wenig Ärzte aus, die Zugangsbeschränkung ist unglaublich. Wenn wir keine Ärzte haben, können wir auch keine ausbilden. Weg mit den Zugangsbeschränkungen, Bildung muss frei sein.“ In eine ähnliche Kerbe schlug auch Litschau-Gemeindearzt Christoph Ehrlich: „Die jungen Ärzte fühlen sich nicht gut genug ausgebildet für die Position des Allgemeinmediziners. Das ist eine Katastrophe.“  Auch Christoph Preissl, Gemeindearzt in Kirchberg/Walde, übte Kritik: „Die Gebietskrankenkasse ist dafür verantwortlich, dass die Versorgung gegeben ist, es ist unglaublich, das hier heute kein Vertreter anwesend ist. Wir brauchen Visionen und neue Modelle für die Region, alle Player müssen an einem Strang ziehen.“

Dabei ist natürlich auch die Politik gefragt. Gerald Matzinger, Bürgermeister in Groß Siegharts, schilderte die Schwierigkeit, die Nachfolge von Ärzten in den Gemeinden zu regeln. „Wichtig ist, dass wir zusammenhalten. Was ich so höre, sollten wir die Ausbildung auf jeden Fall hinterfragen. Aber eines ist klar: Ich lechze nach jedem Arzt, der will.“ Bundesrat Eduard Köck berichtete von der erfolgreichen Nachbesetzung der Praxis in Thaya, bezog danach aber auch Stellung: „Wir müssen das Waldviertel attraktiv darstellen und versuchen, die Menschen an uns zu binden. Dann ist es möglicherweise einfacher, auch Ärzte für die Region zu gewinnen.“

„Die fundierten Beiträge am Podium und im Publikum zeigten klar, dass die Sorge um die notwendige Primärversorgung im Waldviertel berechtigt ist“, zog Ernst Wurz, Vorsitzender der WALDVIERTEL AKADEMIE Resümee, „wir werden daher an diesem Thema dran bleiben und die Lösungsvorschläge an die Verantwortungsträger weiterleiten.“

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Immer einen Besuch wert: Brünn!

Seit vielen Jahren organisiert die WALDVIERTEL AKADEMIE als Kultur- und Bildungsinitiative auch Exkursionen in die Nachbarländer Österreichs und zu Kultur-, Tourismus- und Politikinstitutionen in ganz Europa. „Wir wollen unseren Interessenten so, einen Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichen und ihnen die Vielfalt unserer Nachbarn zeigen“, so Geschäftsführer Christoph Mayer.

Am 15. September 2017 wurde 45 Kultur- und Kommunalverantwortlichen sowie weiteren Interessierten aus dem gesamten Waldviertel ein spannender und abwechslungsreicher Tag geboten. Unter dem Titel „Schönheiten Tschechiens erkunden“ führte die diesjährige Exkursion der WALDVIERTEL AKADEMIE erneut in die Tschechische Republik, diesmal in die zweitgrößte Stadt des Landes: Brünn. Schon während der Busfahrt führte Werner Neuwirth in die Geschichte des Nachbarlandes Tschechien ein. Gleich zu Beginn stand eine ausgedehnte Stadtführung auf dem Programm. Neben dem Besuch der Burg Spielberg und dem damit verbunden malerischen Ausblick über die Stadt marschierte die Gruppe durch die Innenstadt und besichtigte unter anderem das Alte Rathaus, den Kohlmarkt, die Sankt Jakobs-Kirche, die St. Peter und Paul-Kathedrale und vieles mehr.

Exkursion2Am Nachmittag stand noch ein besonderer Programmpunkt auf der Tagesordnung: Bei einer Führung wurde die Gruppe durch den Brünner Untergrund und die alten Kelleranlagen gelotst und erfuhr dabei auch viele wichtige historische Begebenheiten.

Den Abschluss der Exkursion bildete ein Kurzbesuch in Znaim mit gemeinsamen Abendessen. „45 im kulturellen und kommunalen Bereich engagierte Waldviertler lernten Brünn in Geschichte und heutiger Ausprägung kennen. Das ist für uns auch ein wichtiger Teil zum gegenseitigen Verständnis und Kennenlernen“, war auch WALDVIERTEL AKADEMIE-Vorsitzender Ernst Wurz mit der Reise sehr zufrieden.

Exkursion1Die TeilnehmerInnen an der Exkursion:
Franz Ableidinger, Gerhard Binder, Marie-Luise Breitenfelder, Bernhard Elsa, Wolfgang Fürnkranz, Franz Garschall, Erich Gugelsberger, Eunike Grahofer, Anton Hausmann, Therese Hausmann, Hermann Hüttler, Anna Jeschgo, Paula Kastner, Franz Kienast, Gebhart Kranz, Reinhard Linke, Franz Marek, Wilhelm Matzinger, Christoph Mayer, Werner Neuwirth, Erich Pichl, Elisabeth Pollak, Willibald Pollak, Franziska Popp, Marianne Popp, Reinhard Preißl, Gerhard Proißl, Christine Reiterer, Walter Riegler, Herwig Schöchtner,  Anna Senk, Ernst Senk, Franz Senk, Ernst Starkl, Franz Teszar, Martina Wagner, Karl Wanko, Herta Wanko, Reinhard Weber, Veronika Weber, Eberhard Wobisch, Edith Weiss, Eveline Winter, Ernst Wurz, Maria Wurz.

 

Ein positiver Blick in Zukunft Europas

Einschätzungen und Handlungsanleitungen zur Zukunft Europas, der Gesellschaft, der Demokratie, aber auch der Digitalisierung standen im Mittelpunkt der 33. Internationalen Sommergespräche der WALDVIERTEL AKADEMIE, die letztes Wochenende sehr erfolgreich über die Bühne gingen.

Den Eröffnungsvortrag vor rund 200 Interessierten auf Schloss Weitra übernahm der Politologe Anton Pelinka, der ein positives Bild von Europa zeichnete: „Nichts ist erfolgreicher als die Demokratie. Europa ist auf einem guten Weg.“ Auch Landesrätin Barbara Schwarz, die die offizielle Eröffnung vornahm betonte die Großartigkeit und die Vorzüge des Projektes Europa. Im Rahmen der Eröffnung wurde auch der WALDVIERTEL AKADEMIE-Preis 2017 für Verdienste im und um das Waldviertel an den Gmünder Unternehmer Franz Graf übergeben. Der ehemalige Nationalratsabgeordnete Günther Stummvoll wies in seiner Laudatio auf die vielen Stationen und erfolgreichen Projekte des Baumeisters hin, der mit Standing Ovations gefeiert wurde.

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Ulrike Guérot: „Alles hat einen Preis, aber Werte sind unbezahlbar!“
„Brauchen wir noch Werte – und wenn ja, welche?“ war der Titel der Diskussion am Freitagvormittag. Die Demokratieforscherin Ulrike Guérot polarisierte dabei teilweise, stellte aber auch klar: „Wo sie geboren sind, entscheiden sie ja nicht selbst. Wir müssen uns fragen, wie wir mit der ‚birth lottery’ umgehen?“ Auch Religionspädagoge meinte: „Ich würde den Werte Freiheit nicht ohne Sicherheit diskutieren.“ Ursula Sagmeister, die beim Österreichischen Integrationsfonds tätig ist, führte das Publikum dann in die Praxis und zeigte, wie Wertekurse aussehen und ablaufen.

Spannende Diskussionen konnten auch bei der Exkursion in den kubator nach Gmünd erlebt werden. Nach einer Betriebsvorstellung stand das Thema „Toleranz und Integration. Chance, Gefahr oder Verpflichtung?“ auf dem Programm.  „Nur etwas 6 Prozent der weltweit 244 Millionen Migranten sind Flüchtlinge“, so Gudrun Biffl, Migrationsexpertin der Donau-Universität Krems. Neben den positiven Beispielen von Gerhard Fallent, Obmann des Vereins „Willkommen Mensch! In Groß Gerungs und Langschlag“ bestätigte dies auch Sozialexperte Bernd Marin: „Zuwanderung hat überwiegend positive Effekt – wir haben hier meist junge, risikobereite und aufstiegswillige Menschen.“

Den gelungenen Schlusspunkt des zweiten Sommergespräche-Tages setzte der Filmabend im Kino Gmünd. Gemeinsam mit dem Filmforum Gmünd wurde „Holz Erde Fleisch“ gezeigt. Im Anschluss diskutierten Regisseur Sigmund Steiner und Waldverband NÖ-Obmann Franz Fischer über die Zukunft der Landwirtschaft.

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Kriminalpsychologe Thomas Müller als Publikumsmagnet
Einen vollen Rathaussaal bescherte der WALDVIERTEL AKADEMIE auch die Samstagvormittag-Diskussion mit Profiler Thomas Müller, Soziologe Martin Schenk und Ökonom Helmut Mahringer, die allesamt über das Phänomen Angst diskutierten. „Wieso haben so viele Menschen Angst und woher kommt diese?“, fragt Müller, „wir leben in einer Zeit der grenzenlosen Freiheit, aber auch der größten Widersprüche.“ Er appellierte an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, nicht zu viel Angst zu haben.: „Angst ist etwas Lebensnotwendiges, wenn sie uns aber beginnt zu lähmen, muss man etwas tun. Wir müssen die Ängste dorthin stellen, wo sie hingehören.“

MuellerThomasWie wir mit Populismus und Extremismus umgehen müssen, das diskutierten am Samstagnachmittag Michaela Hickersberger und Michael Laczynski. Der Autor erklärte drei Rollen, die notwendig sind, um als Populist erfolgreich zu sein, wichtig dabei: „Die Menschen müssen sich vor irgendetwas fürchten, rationales Denken ist dann nicht mehr möglich.“ Hickersberger, Referentin beim Ökosozialen Forum, ergänzte aber auch: „Populismus gibt es über das gesamte politische Spektrum hinweg. Auch Organisationen der Zivilgesellschaft müssen hier Kommunikationsleitlinien erarbeiten, um nicht populistisch zu agieren, aber dennoch eine große Öffentlichkeit zu erreichen.“

Hoftheater, Schreibwerkstatt und WALDVIERTEL AKADEMIE kooperierten
Zum vierten Mal ging am Samstag auch ein literarischer Abend in Kooperation mit dem Wald4tler Hoftheater in Pürbach über die Bühne. Als weiterer Partner wurde hier die Schreibwerkstatt Waldviertel ins Boot geholt, die mit ihrer Textauswahl über Europa für einen sehr gelungen Abend sorgten. Robert Schindel, Robert Kraner und Maria Muhar lasen Texte u.a. von Doron Rabinovici und Bertold Brecht und endeten mit selbst geschriebenen Werken. Musikalisch unterstütz wurden sie dabei von FiddlMa aus Zwettl. „Die Kooperation in Pürbach ist ein wesentlicher Bestandteil der Sommergespräche“, so WALDVIERTEL AKADEMIE-Geschäftsführer Christoph Mayer, „die wir bestimmt auch in Zukunft fortsetzen werden.“

Puerbach

Wirtschaftsmatinee bei der W.E.B Windenergie in Pfaffenschlag als Abschluss
Den krönenden Abschluss der Sommergespräche bildet seit mittlerweile vier Jahren das Wirtschaftsmatinee in Kooperation mit dem Wirtschaftsforum Waldviertel. FH St. Pölten-Studiengangsleiter Franz Fidler, Microsoft-Vertreterin Verena Riessberger und Unternehmer Christof Kastner diskutierten vor vollem Saal zu „Digitale Revolution. Kommt der Mensch unter die Räder?“. „Es ist schon so viel da, dass ich gar nicht versteh, wieso sich die Leute vor Digitalisierung fürchten“, so Riessberger, „sie soll uns ja das Leben erleichtern.“ Das Podium appellierte dabei an das lebenslange Lernen, Kastner zeigte innovative Beispiele auf und bestätigte: „Bei unserer ersten EDV-Umstellung hat es geheißen, ihr werdet weniger Leute brauchen. Letztendlich haben wir bei jeder großen Veränderung mehr Leute benötigt, teilweise natürlich mit anderen Qualifikationen.“

Erfolgsgeschichte wird weiter geschrieben
Seit 33 Jahren beschäftig sich die WALDVIERTEL AKADEMIE mit den wichtigen Fragen der Region und Zeit.  Auch 2017 wurde das Programm sehr gut angenommen, rund 750 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten begrüßt werden. „Die Beiträge waren durchwegs geprägt von positiven Einschätzungen zu Demokratie, Europa oder Digitalisierung, nicht Krankjammern stand im Mittelpunkt, sondern Handlungsempfehlungen, wie die positive Entwicklung weiter fortgesetzt werden könne“, zog der Vorsitzende der WALDVIERTEL AKADEMIE Dr. Ernst Wurz über Sommergespräche zufrieden Resümee, „die gedeihliche Entwicklung unserer Gesellschaft erfordert aber, dass unsere Grundwerte nicht nur als Grundrechte verstanden werden, sondern auch das Wahrnehmen von Pflichten erfordert.“

Wir müssen selbst aktiv werden!

“Social Media. Nutzen oder Gefahr?” war der Titel einer Veranstaltung der WALDVIERTEL AKADEMIE, die am 22. Mai in der Raiffeisenbank Waidhofen/Thaya über die Bühne ging. Unter großem Interesse diskutierten der Berliner Internetsoziologe Stephan Humer, die Journalistin Ingrid Brodnig und der ehemalige HAK-Schulsprecher Jakob Müssauer.

 Raiffeisen-Direktor Kurt Bogg führte bei seiner Begrüßung auch kurz in das Thema ein: “Alles verfolgt uns, alles hat seine Vor- und Nachteile. Aber wie sicher sind unsere Daten? Wie wirkt es sich auf unsere Versicherung aus, wenn unsere Fitnessdaten dort landen?”

“Unser Leben hat sich sehr stark verändert”, auf diese Aussage einigten sich die Expertinnen und Experten bereits vor der Diskussion. Ingrid Brodnig, Journalistin und Autorin des Buches “Hass im Netz” zeigte zu Beginn einige Besorgnis erregende Entwicklungen im Umgang mit dem Internet (“Shitstorm”, Bedrohungen und vieles mehr) auf. “Die meisten Leute würden das nicht okay finden, hier zu schreiben, man brauche sich nicht wundern, wenn ihren Kindern etwas passiert”, so Brodnig zu einem Bedrohungsszenario. Die “Entfremdung des Internets” könne positiv sein, aber auch negativ, “wenn Menschen ihre dunkelsten Seiten ausleben”. Brodnig appellierte aber auch dafür, bei den Plattformen Verantwortung einzufordern und sich auch selbst zu engagieren: “Jeder Einzelne kann etwas machen und Umgangsformen einfordern.”

Stephan Humer, Gründer und Forschungsleiter des Arbeitsbereichs Internetsoziologe an der Universität der Freien Künste Berlin stellte im Bezug auf Hasspostings zunächst klar: “Der Schwerpunkt darf nicht im technischen Bereich liegen, sondern es ist eine kulturelle Frage. Am Ende bleibt immer die soziale Komponente über.” Auch Humer appellierte an die Menschen selbst: “Man muss selber aktiv werden, wir sind zivilgesellschaftlich verpflichtet, dagegen zu arbeiten. Wir müssen hier eine aktivere Rolle einnehmen. Wenn Sie die Spielregeln nicht mitbestimmen, dann machen das eben andere.” Humer zeigte auch auf, nicht immer nur die negativen Seiten zu sehen, sondern einen positiveren Umgang mit der Digitalisierung zu pflegen. “Digitalisierung ist eine Kraft, wie auch die Elektrizität, die Sie nicht mehr wegbekommen!”, so Humer abschließend.

DSC_0057Der Waidhofner Jakob Müssauer, zuletzt Schulsprecher an der HAK und derzeit mitten in der Absolvierung der Matura zeigt die Nutzung von sozialen Medien in seiner Generation auf. “Ich bin damit aufgewachsen, war schon mit 13 aktiv auf Facebook, da hat man eigentlich keine Ahnung, was man macht”, so Müssauer. Vier Stunden täglich verbringe er auf den sozialen Medien, vorrangig um sich zu informieren, aber auch einfach zum Zeitvertreib. “Wir nutzen vieles zur Unterhaltung. Wenn mir fad ist, schaue ich nach, was sich tut”, so Müssauer.

Das zahlreich gekommene Publikum nutzte im Anschluss an die Impulsreferate die Möglichkeit für eine intensive Diskussion mit den Expertinnen und Experten, in der vor allem auch die Themen Bildung und Medienkompetenz abgehandelt wurden. “Mit der heutigen Veranstaltung haben wir wieder ein hochaktuelles Thema mit sehr hochkarätigen Referentinnen und Referenten angesprochen”, so WALDVIERTEL AKADEMIE-Geschäftsführer Christoph Mayer zufrieden, “die Digitalisierung wird uns auf jede Fall alle in ihren Bann ziehen.”

 

Es geht um unsere Bedürfnisse!

“Eine Mustersprache” war Titel der Waldviertler Vorlesungen am 16. Mai im Jubiläumssaal der Firma Leyrer + Graf in Gmünd. Die Veranstaltung wurde von der WALDVIERTEL AKADEMIE in Kooperation mit dem Unternehmen, der Donau-Universität Krems, der Stadtgemeinde Gmünd, der Waldviertler Sparkasse Bank AG und dem Ministerium für ein lebenswertes Österreich durchgeführt. 

“Wie Architektur die Menschen in ihren Lebensvorgängen unterstützen kann” lautete der Untertitel der Veranstaltung, zu der die Organisatoren zahlreiche Interessierte aus der Branche und weit darüber hinaus begrüßen konnten. Baumeister Stefan Graf meinte bei seiner Begrüßung: “Egal, was ich baue, die Grundprinzipien sind immer gleich. Architektur muss immer den Menschen unterstützen.” Auch Bürgermeisterin Helga Rosenmayer war hier dacour: “Am wichtigsten ist, dass ich mich dort, wo ich wohne, wohlfühle. Es geht um die Bedürfnisse der Menschen und um Dinge, die jeden Menschen auch im Herz berühren.”

Vortragender Richard Sickinger von der Donau-Universität Krems stellte in seinen knapp einstündigen Ausführungen das Werk des Architekten und Systemtheoretiker Christopher Alexander in den Mittelpunkt. Alexander ging davon aus, dass unser Leben von Mustern geprägt sei. “Ein Muster ist ein Best-Practice”, so Sickinger, “und jedes Muster hat drei Teile: Problem, Lösung und Kontext. Es geht also auch darum, wie das Praxiswissen im Alltag umgesetzt werden kann.”

Sickinger erklärte in weiterer Folge den Aufbau von verschiedenen Muster auch in Bereichen fernab der Architektur, wie zB in der Gesellschaft und der IT. “Es geht nie um das Design, sondern immer auf die Wirkung auf den Menschen.” Danach im Mittelpunkt stand das Alexander-Standardwerk “Eine Mustersprache”, in dem sich auf 1.320 Seiten 253 verschiedene Muster finden. Diese reichen vom Städtebau, über die Gebäude bis hin zu Konstruktionen. Dabei werden nicht nur grundlegende Muster, wie zB für die Gestaltung des Eingangsbereiches oder von Gärten dargestellt, sondern auch banalere Möglichkeiten, wie die Schaffung von Rückzugsmöglichkeiten, von “Höhlen” für Kinder und von Wohlfühlorten.

In der anschließenden Diskussion wurde vor allem auch die Möglichkeit der tatsächlichen Anwendung und die Überprüfung auf die heutige modernere Zeit besprochen. “Man könnte auch eine Mustersprache für das Waldviertel als Handlungsanleitung, als Ratgeber entwickeln”, so eine Wortmeldung aus dem Publikum. “Das Werk solle nicht als ‘heilige Schrift’ behandelt werden, sondern als Hilfe zur Problemlösung und als Möglichkeit für Anregungen”, so Sickinger und Graf abschließend.

Die Präsentation von Richard Sickinger wird in wenigen Tagen hier zur Verfügung gestellt.

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Müssen eine Vollbremsung hinlegen!

Unter dem Titel “Der Klimawandel und seine Folgen. Wovon ernähren wir uns morgen?” lud die WALDVIERTEL AKADEMIE am 9. Mai in Kooperation mit der Donau-Universität Krems, dem Ökosozialen Forum Niederösterreich und der Agrana Stärke GmbH zu einer hochkarätig besetzten und spannenden Diskussion in den Sparkassensaal Horn.

Mit rund 120 Personen war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, auch zahlreiche Ehrengäste, allen voran Stadtrat Gerhard Lentschig, Sparkassen-Direktor Werner Scheidl, Bezirksbauernkammer-Obmann Herbert Hofer und Wirtschaftskammer Zwettl-Obmann Dieter Holzer ließen sich die über zweinhalbstündige Veranstaltung nicht entgehen.

Die renommierte Klimaforscherin und Meteorologin Helga Kromp-Kolb gab in ihrem Einstiegsreferat einen ersten Überblick über Klimawandel und Ernährung. “Der Klimawandel ist nach wie vor das schwerwiegendste Problem, das wir aber leider ständig ausklammern. Wir können alle anderen Probleme nicht lösen, wenn wir uns nicht mit dem Klimawandel beschäftigen”, so die Wissenschafterin. Vor allem der tägliche Konsum von Fleisch und die damit verbundene Treibhausgas-Emmission sowie die Nutzung von fossilen Energien seien nach wie vor ein wichtiges Thema in der Diskussion. “Um unsere Klimaziele zu erreichen, müssen wir eigentlich eine Vollbremsung hinlegen”, so Kromp-Kolb, die auch die globale Wärmeentwicklung beleuchtete: “2016 war jeder Monat ein neuer Temperaturrekord.”

DSC_0022Hans Mayrhofer, Generalsekretär des Ökosozialen Forums, zeigte danach die globalen Trends der Landwirtschaft auf. Neben der Bevölkerungsentwicklung und der zunehmenden Urbanisierung ist auch der Strukturwandel (“Die Betriebe werden weniger und größer.”) eine große neue Herausforderung der Landwirtschaft. “Die Nahrungsmittel müssen effizienter genützt werden”, so Mayrhofer, der für eine nachhaltige Intensivierung und Bioökonomie appellierte.

Auch Projekte direkt aus der Region wurden vorgestellt. Otmar Schlager, Geschäftsführer der Energieagentur der Regionen zeigte auf, dass der Geldabfluss für Energie im Bezirk Horn jährlich circa 50 Millionen Euro ausmache. “Mit Ökoenergie aus der Region können wir diese Entwicklung umkehren. Mit der TRE Thayaland GmbH wurde hier bereits ein Vorreiter geschaffen”, so Schlager.

Intensiv um das Thema Ernährung drehten sich die Ausführungen von Helmut Hundlinger. Der Horner gründete 2001 Slow Food Waldviertel und versucht nicht nur seltene Pflanzenarten vor dem Aussterben zu bewahren, sondern vor allem auch die Verwendung von regionalen Produkten zu stärken.

In einer sehr spannenden und emotionsgeladenen Diskussion trug auch das Publikum zu einer gelungenen Veranstaltung bei. Hans Mayrhofer zeigte auf, dass jeder Einzelne seinen Beitrag leisten kann, “aber wir müssen aus unserer Bequemlichkeit rauskommen.” Kromp-Kolb machte auch klar: “Die Zeit des Wirtschaftswachstums ist vorbei. Es gibt nicht mehr zu verteilen, es kann nur eine Umverteilung geben. Dennoch brauchen wir keine Sorgen zu haben, es gibt eine engagierte Jugend mit der wir an einer gelingenden Zukunft arbeiten können.” In eine ähnliche Kerbe schlugen auch Schlager und Hundlinger: “Ändern können wir es nur selbst.”

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