An der Grenze scheiden sich die Geister

Im Rahmen der Waldviertler Vorlesungen lud die WALDVIERTEL AKADEMIE am Montag, 25. November gemeinsam mit der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems, dem Bildungs- und Heimatwerk St. Bernhard-Frauenhofen und dem Museum Horn zu Vortrag „Wer in Grenzen denkt, ist begrenzt in seinem Denken.“ 

„Ich habe 1984 in Horn maturiert, damals waren die Grenzen geschlossen“, so Bernhard Schörkhuber vom Institut für Ausbildung am Campus Krems-Mitterau der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems zu seinen persönlichen Grenzbeziehungen, „heute kann man die offene Grenze bewundern.“ In weiterer Folge bezog Schörkhuber Stellung zur Ambivalenz von Grenzen: „Einerseits wollen wir alle Grenzen öffnen, auf der anderen Seite sie aber komplett schließen. Die Einen beklagen den Fall der Grenzen, die Anderen propagieren absolute Barrierefreiheit.“ Neuerdings seien die totgesagten Grenzen wieder im kommen – Stichwort: Flüchtlingsbewegungen –, dank Globalisierung bleibt die Mobilität der Menschen, zum Beispiel auf dem Weg in ihren Urlaub, aber grenzenlos.

„Grenze ist ein Schlüsselbegriff der Gegenwart“, so der Theologe, „von existenziellem Ernst, aber nichtssagend zugleich.“ Sie ist zur Leitidee der Moderne geworden, als Symbol zur Ein- und Ausgrenzung. Als Beispiele nannte Schörkhuber innen und außen, ich und du, Zugehörigkeit und Unterschiede, Eigenes und Fremdes oder Arm und Reich. „Grenzen markieren auch den unterschiedlichen Zugang zu Ressourcen“, so Schörkhuber.

Schörkhuber thematisierte auch den Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer: „Wer hätte nach dieser Euphorie im Jahr 1989 gedacht, dass heute wieder Menschen vor unüberwindbaren Grenzen stehen?“ Von 1990 bis 2019 wurden in 45 Ländern 75 neue Grenzbefestigungen gebaut oder geplant. „Mit Mauern wird Politik gemacht“, so Schörkhuber weiter.

Zum Abschluss brachte der Theologe auch den Glauben ins Spiel. „Gegen Ent- und Ausgrenzung braucht es ein engagiertes Auftreten des Christentums. Wir müssen aufwachen und genau hinsehen. Nicht der Andere ist das Problem, sondern wie wir ihn wahrnehmen. Hier geht es auch um die Ethik des Miteinander-Seins.“

Gut aufgestellt und Sinn gebend

Unter dem Titel „Grenzen der Freiwilligkeit. Wie belastbar ist das Rückgrat der Gesellschaft?“ lud die WALDVIERTEL AKADEMIE in Kooperation mit dem Roten Kreuz Niederösterreich und der Kultur.Region.Niederösterreich am 19. November nach St. Pölten, um gemeinsam mit Expertinnen und Experten über die Herausforderungen im Freiwilligenwesen zu diskutieren.

Eva More-Hollerweger vom NPO-Kompetenzzentrum der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sich zu Beginn der Definition von Freiwilligenarbeit: „Es ist unbezahlte, freiwillige Arbeit, die ausserhalb des Hauses statt findet und somit Teil der Freizeit.“ Grenzen seien unter anderem auch durch die Arbeitszeit gesetzt, denn „Freiwilligenarbeit muss man sich auch leisten können.“ Viele Personen würden die Familie als Hauptgrund, sich nicht zu engagieren, anführen: „Hier geht es um den Zeitfaktor und die Familie steht natürlich an erster Stelle.“

„Die Aufopferung und Nächstenliebe sind nicht mehr so wichtig, sondern der Sinn dahinter“, so Sozialwissenschafter Bernd Marin zu den Beweggründen, sich freiwillig zu engagieren. Die Gesellschaft habe so viel Freizeit wie noch nie, dennoch wird diese nicht vermehrt in die ehrenamtliche Arbeit investiert. „Dabei wissen wir, wenn diese Freiwilligenarbeit nur einen Tag nicht stattfinden würde, würde die Gesellschaft über Nacht zusammenbrechen.“ Die Privatpersonen, der Staat und die Organisationen müssen zusammenhalten, um dieses System zu erhalten. „Man muss aber etwas dafür bekommen, man hat Erwartungen“, so Marin, der nicht nur Sinn, Solidarität und Verwirklichung anführte, sondern auch Ankerkennung, Supervision, Auslagenrefundierung und Pensionsanrechungen forderte.

2,9 Millionen ehrenamtliche Stunden werden vom Roten Kreuz jährlich geleistet. „Der härteste Schritt ist der erste, nämlich zu sagen, ich engagiere mich freiwillig“, so Rot-Kreuz-Präsident Josef Schmoll. Es gäbe natürlich ein großes Angebot an Vereinen, viele wollen ihr zeitliches Engagement nur ohne zeitliche Verpflichtung geben. „Das geht bei uns aber nicht, wir sind 24 Stunden im Dienst, das ist der Unterschied zu den anderen“, so Schmoll weiter, „wir müssen das Wohnzimmer von zuhause auf die Dienstelle verlegen. Denn wenn ich schon Zeit gebe, muss es dabei auch gemütlich sein.“

Das Freiwilligenwesen gut aufgestellt sieht auch Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner, der aber ebenso für Pensionsanrechnungen und Vergünstigungen für freiwillige Mitglieder plädierte. „Wir erfüllen einen gesetzlichen Auftrag. Wenn wir ausfallen, dann gibt es Tote.“ Für den Erfolg müsse die Gemeinschaft stimmen und auch die Familien eingebunden werden, denn „es muss auch Spaß machen.“

600.000 Freiwillige in 20.000 Vereinen, die über 1,5 Millionen Wochenstunden leisten – so die beeindruckende Bilanz ehrenamtlicher Tätigkeit im Land Niederösterreich. Martin Lammerhuber, Geschäftsführer der Kultur.Region.Niederösterreich brachte auch die Leistungen im kulturellen Bereich in die Diskussion ein. „Es muss Spaß machen und einen Nutzen haben, aber wir müssen auch Werbung machen. Wer spricht die Leute mit welchem Angebot an? Das ist immens wichtig.“

Im Anschluss entwickelte sich eine spannende und lebhafte Diskussion, die auch bei einem Glas Wein fortgesetzt wurde. „Das Freiwilligenwesen ist eine wichtige Säule in der Gesellschaft unseres Landes, deshalb war es uns wichtig, auch hier die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu diskutieren“, so WALDVIERTEL AKADEMIE-Geschäftsführer Christoph Mayer nach der Veranstaltung.

1919 und die Folgen für Europa

„Grenzen. Erkennen. Verbinden. Überwinden.“ lautet der Jahresschwerpunkt der WALDVIERTEL AKADEMIE im Jahr 2019. In Kooperation mit vielen Partnern, u.a. der Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe, wurde am 8. November zur Diskussion „1919. Neue Grenzen in Mitteleuropa“ geladen.

„Es war uns ein Anliegen, auch die historische Komponente von Grenzen aufzugreifen“, so Geschäftsführer Christoph Mayer zur Veranstaltung. Unter Leitung der Historikerin Hildegard Schmoller wurde in Raabs die Zeit der Friedensverhandlungen von St. Germain und der Zerfall der Habsburgermonarchie beleuchtet. „Wir wollen damit auch einen Beitrag zur Zukunft Europas leisten“, so Vorsitzender Ernst Wurz, „vielleicht können wir aus der Geschichte etwas lernen. Ich bin auf jeden Fall davon überzeugt.“

Václav Šmidrkal, Historiker am Masaryk Institut und Archiv der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag, sprach zunächst über die Gewalt bei neuen Grenzziehungen. Gebietsstreite, Kriege und Streikbewegungen waren Teil der neuen Grenzen der Tschechoslowakei. Auch Grenzkorrekturen, unter anderem im Gebiet von Weitra, waren vonnöten.

„Wo ist meine Heimat?“, fragte Julia Köstenberger vom Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung. Sie sprach die Option zur Auswahl der Staatsbürgerschaft nach dem Zerfall Österreich-Ungarns und die damit entstandenen Probleme auf. „Viele wussten ab 1918 nicht, wo die Grenzen sind und wie es tatsächlich weitergehen wird“, so Köstenberger.

Das Publikum nutzte im Anschluss an die Podiumsdiskussion noch die Möglichkeit, mit den drei Expertinnen und Experten intensiv zu diskutieren und diese Gespräche auch bei einem Glas Wein auf Einladung der Stadtgemeinde Raabs fortzusetzen.

Jeder Mensch hat Angst!

Im Rahmen des Veranstaltungszykluses „Grenzen. Erkennen. Verbinden. Überwinden.“ lud die WALDVIERTEL AKADEMIE am Mittwoch, 9. Oktober gemeinsam mit der Stadtgemeinde Zwettl und der Raiffeisenbank Zwettl zu einer spannenden Diskussion in die neuen Veranstaltungsräumlichkeiten der Bank. Rotraud A. Perner und Georg Psota sprachen am Vorabend des Internationalen Tages der seelischen Gesundheit vor über hundert Interessierten zu „Grenzen überwinden. Der richtige Umgang mit Ängsten und Tabus“.

Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, schilderte das Thema Angst aus der Perspektive eines Psychiaters. „Jeder Mensch hat Angst und das ist gut so“, so der Mediziner, „denn Angst ist ein Schutzfaktor der besonderen Art.“ Angst gehöre zur Grundausstattung der Gefühle, über die Menschen verfügen, dazu gehören auch Ekel, Wut, Trauer, Scham und Freude. „Sie haben den Sinn, dass wir überleben“, so Psota weiter. Der Psychiater zeigte auch die verschiedenen Arten von Angst sowie unterschiedliche Therapieansätze auf. „Angst ist zwar etwas Gesundheit Erhaltendes, aber wo wird es schädlich? Die Dimension des Krankseins ist dann gegeben, wenn es uns beeinträchtigt und wir nicht mehr lieben können. Wenn das Ausmaß oder die Dauer der Angst nicht mehr günstig ist bzw. anders ist, als wir es kennen“, so Psota weiter. Angst betreffe in Wirklichkeit direkt und indirekt fast alle von uns, so Psota, der auch meinte: „Man muss mit Ängsten in Konfrontation gehen, um sie zu überwinden, darf nicht davonlaufen.“

Die bekannte Psychotherapeutin und -analytikerin Rotraud A. Perner ging in ihrem Referat neben Angst auch auf Grenzüberschreitungen ein. „Angst hat immer damit zu tun, dass irgendetwas nicht bekannt ist“, so Perner. Bei vielen Personen fehle auch ein Modell, über Ängste und Tabus zu sprechen. „Es gehört auch dazu, sich nicht zwingen zu lassen, Grenzen zu überschreiten, die man für richtig hält“, so Perner weiter, die auch über Gewalt und Sexualität sprach und forderte: „Wir brauchen Modelle, wie wir mit Grenzen umgehen können. Diese müssen auch schon in den Schulen aufgegriffen werden.“ Beim Thema Heilung gehe es auch darum, sich aufzurichten und „neue Blickwinkel zu haben. Man sollte sich auch fragen, wer hat das Problem. Die Person, die gehässig ist oder jene, die die Projektionsfläche ist.“

Im Anschluss entwickelte sich eine engagierte Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die auch Einblicke in ihre Privatsphäre und persönliche Probleme gaben. Die beiden Referenten gaben sich bemüht, auf alle Fragen detaillierte Antworten zu geben und setzten diese Gespräche auch noch bei einem Glas Wein fort.

„Es freut uns sehr, dass dieses Thema so großen Anklang gefunden hat“, so WALDVIERTEL AKADEMIE-Geschäftsführer Christoph Mayer, „persönliche Grenzen müssen auf der einen Seite eingehalten werden, auf der anderen Seite gibt es aber auch genug Grenzen, die es zu überwinden gilt. Tabuthemen anzusprechen ist dabei ein wichtiger Faktor, um sich auch mit den eigenen Grenzen auseinanderzusetzen.“

Profit allein reicht nicht!

Die von der WALDVIERTEL AKADEMIE in Kooperation mit dem Wirtschaftsforum Waldviertel veranstaltet Wirtschaftsmatinee am Sonntagvormittag bildete auch in diesem Jahr den Abschluss der Internationalen Sommergespräche. Bei der Firma Schrenk in Vitis stand dabei das Thema „Grenzenlose Wirtschaft. Wachstum und Bildung im Fokus“ auf dem Programm.

Wirtschaftsforum-Obmann Christof Kastner hob bei seiner Begrüßung die Wichtigkeit von Kooperationen – nicht nur im Wirtschaftsbereich – hervor, denn: „Nur gemeinsam bringen wir etwas weiter und nur das Gemeinsame wird für die Menschheit Nutzen bringen.“ Dabei stellte er vor allem auch die Themen Belastbarkeit des Einzelnen, Bildung, Innovation und Digitalisierungen zur Diskussion.

„Profit allein ist nicht das Kriterium“, so der Leitsatz von Firmenchef Stefan Schrenk, der einen weiteren wichtigen Leitgedanken formulierte: „Wie kann ich die Abläufe optimieren und die Arbeitsbedingungen verbessern?“ In seinem Unternehmen werde auf die Meinung und Ideen der Mitarbeiter großen Wert gelegt, Ressourcenschonung, Innovationen und Weiterbildung seien sehr wichtig. Schrenk stellte auch das ZIKK-Haus vor, welches innerhalb kürzester Zeit auf- und, auch ohne Rückstände, wieder abgebaut werden kann.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stand im Mittelpunkt der Ausführungen von Junge Industrie-Vorstandsmitglied Isabella Hengl-Nowotny. „Wir müssen alte Strukturen aufbrechen und Kinder-betreuung auch in Betrieben nachhaltig verankern.“

Wie Technologien unsere Welt verändern und wie diese auch Einfluss auf unsere Bildung und Ausbildung haben, erklärte im Anschluss Medienpädagogin Eva Horvatic. „Welche Werte setzen wir dahinter?“, war für Horvatic eine wichtige Frage, denn „Technologien verändern das Menschsein und die Lebenswelten.“

Einen Einblick in die Dynamik des Arbeitsmarkts gab AMS-Landesgeschäftsführer Sven Hergovich. „Jeder Beschäftigte in Niederösterreich ist im Durchschnitt einen Tag pro Jahr arbeitslos, jeden Tag verlieren und finden hunderte Menschen einen Job“, so Hergovich, der auch über Digitalisierung sprach. „Die Hälfte aller Jobs ist von Digitalisierung betroffen, das heißt aber nicht, dass er weg ist. Einer Studie nach werden nur 10 Prozent der Jobs wegfallen. Der Technische Wandel kostet keine Arbeitsplätze, sondern bringt eine Verschiebung in den Sektoren.“ Wichtig sei der Fokus auf Jugendliche, Facharbeiter und ein Angebot für alle Zielgruppen, denn „eine gute Ausbildung verhindert 8 Jahre Arbeitslosigkeit.“

Gerlinde Pöchhacker-Tröscher stellte zum Schluss das von ihr erarbeitete Zukunftsranking aller österreichischen Bezirke da. Obwohl natürlich nicht alle Waldviertler Bezirke im Spitzenfeld zu finden sind, weisen sie alle Top10-Ergebnisse bei verschiedenen Indikatoren auf. Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Innovation sowie Demografie und Lebensqualität spielen bei der Studie eine große Rolle. 

Im Anschluss nutzten die zahlreichen Interessenten noch die Möglichkeit, das Gehörte in der Diskussion weiter zu vertiefen und die Firma Schrenk näher kennen zu lernen. „Die Wirtschaftsmatinee ist jedes Jahr ein zentrales Element der Sommergespräche. Hier werden viele wichtige Erkenntnisse diskutiert, die auch die Politik beherzigen sollte“, so WALDVIERTEL AKADEMIE-Obmann Ernst Wurz abschließend.

Die Zukunft der Gesellschaft

Die „Grenzenlose Gesellschaft“ stand im Zentrum der Diskussionen am Samstagnachmittag im Rathaus Weitra.

Die Bevölkerungsökonomin Alexia Fürnkranz-Prskawetz sprach über die Alterung der Bevölkerung und die ökonomischen Konsequenzen. Dabei stellte sie klar: „Ich erzähle nur Erfolgsgeschichten. Die Bevölkerungsalterung ist nichts Schlechtes. Das ist es nur, wenn wir nicht darauf reagieren und die Chancen nicht erkennen.“ Österreich wird auch in Zukunft altern und wachsen, die Struktur wird sich ändern. „Wir müssen weg von den starren Altersgrenzen“, so Fürnkranz-Prskawetz, die vor allem auch die Integration von älteren Arbeitnehmern und lebenslange Bildung ansprach. „Wir haben es noch nicht geschafft, allen Bevölkerungsgruppen die selben Chancen zu ermöglichen“, so die Ökonomin abschließend.

Sozialwissenschafter Bernd Marin beschäftigte sich im Anschluss mit drei großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte: Neue Arbeit, Smart Energy und Migration. „Zuwanderung muss überwiegend über den Arbeitsmarkt – und nicht durch Familienzusammenführung – funktionieren und qualifiziert sein“, so Marin.

„Es ist schwierig, darüber zu reden“, so Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger zum Thema Armut. Dabei ginge es nicht nur um monetäre und materielle Werte, sondern auch um „seelische Not und Einsamkeit“. Auch im eigenen Umfeld seien viele Menschen von Armut betroffen, das Ziel müsse sein, allen Menschen die Teilnahme an der Gesellschaft zu ermöglichen.

„Solidarität und der Umgang in unserer Gesellschaft sind in einer immer schneller werdenen Zeit sehr wichtige Themen und fügen sich natürlich auch perfekt in unser Grenz-Thema ein“, so Geschäftsführer Christoph Mayer nach der Diskussion.

Die Zukunft der Regionen

„Grenzenlose Regionen“ war der Titel der Samstagvormittag-Diskussion im Rathaus Weitra, bei der Gudrun Biffl, Martin Heintel und Wolfgang Lalouschek diskutierten.

Ökonomin und Migrationsforscherin Gudrun Biffl sprach in ihren Ausführungen die Globalisierung, Individualisierung und den technologischen Wandel an. Die große Frage sei, „wie können wir die Entwicklungen gestalten und nicht nur passieren lassen?“ Die Stärkung der sozialen Infrastruktur und die Integration der Dienstleistungen seien für den ländlichen Raum sehr wichtig, da „es immer schwieriger wird, Beruf und Familie zu kombinieren.“ Der ländliche Lebensraum müsse attraktiv bleiben und Anreizsysteme für Kooperationen – zwischen Gemeinden und Institutionen – geschaffen werden.

Das Stadt-Land-Verhältnis und die damit verbundenen Widersprüche standen im Mittelpunkt der Ausführungen von Martin Heintel. Solidarität und Individualidät, Zu- und Abwanderung, Beharrung und Veränderung sowie Anspruch und Wirklichkeit waren dabei wichtige Schlagworte. „Welche Botschaften senden wir mit Metaphern wie Schrumpfung und Überalterung?“, fragte der Regionalforscher und plädierte für einen sorgsameren Umgang mit der Sprache. Auch für Heintel sind Kooperationen zwischen Kommunen ein wichtiger Faktor, vor allem aber auch die „grenzüberschreitende Zusammenarbeit“.

Wolfgang Lalouschek näherte sich der Thematik aus neurologischer Sicht an. „Unsere Grenzen werden von multinationalen Konzernen stillschweigend überrannt – sowohl staatlich als auch persönlich.“ Die Grenzen sind wichtig, so Lalouschek, aber es würde Angst geschürt. Die Kooperation sei ein wichtiges Element des Lebens und des Menschens. Lalouschek plädierte für ein inneres Ja und für Netzwerke nachhaltiger Regionen und Städte. „Wir müssen die reale Welt mit den Vorteilen der digitalen verknüpfen“, so Lalouschek abschließend.

Wo sind unsere Grenzen?

Die Grenzen des Menschen und des Körpers sowie der eigenen Leistungsfähigkeit standen im Mittelpunkt der Freitagnachmittag-Diskussion im Rahmen der Sommergespräche im Moorheilbad Harbach.

Einleitend stellte der Ärztliche Direktor Johannes Püspök das Haus und die Angebote vor und zeigte die rasante positive Entwicklung des Moorheilbades auf. Nach einer kurzen Pause waren dann die Referentinnen und Referenten am Wort, die sich mit ihren ganz eigenen Grenzen und Grenzerfahrungen auseinandersetzten.

Tom Gschwandtner, Grafiker und Buchautor aus Horn, der nach einem Autounfall seit dem 26. Lebensjahr querschnittgelähmt ist, meinte gleich zu Beginn: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“ Was er damit meinte, ist die Herangehensweise an das Leben. „Nach dem Unfall war alles auf null geschaltet und weg: Gesundheit, Job und Hobbies. Da ist es schwierig, eine neue Perspektive zu entwickeln, aber machbar. Es geht um die Sicht der Dinge und wie wir sie bewerten.“ Er musste sich auf die neue Situation natürlich einstellen, aber: „Ich bin gelähmt und kann die Situation nicht ändern – also was mache ich daraus?“ Mit seinen – trotz der ernsten Thematik – auch unterhaltsamen Ausführungen regte er das Publikum zum Nachdenken über Prioriäten im eigenen Leben an.

„Wo sind die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit?“ Das war die zentrale Frage des Sportwissenschafters Johann Holdhaus, der gleich anfügte: „Ich weiß es nicht. Der Mensch ist ein Phänomen und schwer durchschaubar.“ Leistung sei ein Zusammenspiel aus Gehirn, Körper und Genetik. Holdhaus brachte im Anschluss auch zahlreiche Beispiele für menschliche Höchstleitungen und Grenzüberschreitungen, von Reinhold Messner über Usain Bolt bis hin zu Christoph Strasser und Wolfgang Fasching. „Für uns nicht erklärbare Spitzenleistungen dürfen aber nicht automatisch in den Dopingdunst gerückt werden“, so Holdhaus abschließend.

„Geht ned, gibt’s ned“, das ist das Motto der Ultrasportlerin Alexandra Meixner. Die Medizinerin gab einen interessanten Einblick in ihren Werdegang („Meine einzige Motivation für Sport war, dass ich sehr gerne gegessen habe.“) und ihre sportlichen Erfolge. Den ersten Marathon absolvierte Meixner im Jahr 2002, danach lief sie immer weitere Strecken und fragte sich: „Was geht noch?“ Die Neugierde brachte sie zu all ihren – mittlerweile fünf – Weltrekorden, unter anderem absolvierte sie 20 Triathlons an 20 aneinander folgenden Tagen. „Natürlich tut jede Grenzerfahrung weh“, so Meixner, aber das Team und ihr Umfeld helfe ihr stets an neue Grenzen zu gehen. Letztendlich sind es auch ihre Fans, die sie motivieren: „Was gibt es Schöneres, als jemanden zu inspirieren?“

Die Organisatoren streuten auch dem neuen Kooperationspartner Rosen. „Der Besuch und der Einblick in das Moorheilbad Harbach waren eine perfekte Ergänzung zu unserem diesjährigen Thema“, so Geschäftsführer Christoph Mayer, „sportliche und körperliche Grenzen sowie Grenzüberschreitungen interessieren und faszinieren jeden Menschen.“

Wie alt kann man werden?

Traditionell war der Freitagvormittag der Sommergespräche der thematischen Grundsatzfrage und dem philosophischen Teil gewidmet. Mit Mediziner Christoph Gisinger, Biochemikerin Renée Schroeder und Philosoph Peter Kampits war das Podium dabei besonders prominent besetzt.

„Biologisch sind dem Menschen Grenzen gesetzt, aber du kannst aus körperlichen Einschränkungen natürlich auch etwas machen“, so der Philosoph Peter Kampits, der auch klarstellte: „Der Mensch ist im Vergleich zu anderen Lebewesen ein Mängelwesen, aber er ist adaptionsfähig.“ Kritisch sah Kampits dabei den möglichen Ausgleich der Mängel durch technische Unterstützungen oder eine „Unsterblichkeit durch Aparate“ („Festplatte im Gehirn“). „Wo die Grenzen der Evolution sind, weiß aber niemand“, so Kampits abschließend.

Schroeder ging in ihren Ausführungen auf die Fragen „Was ist das Leben?“ und „Was ist der Mensch?“ ein. Für das Leben habe sie auch eine eigene Definition entwickelt: „Das Leben ist ein Prozess, der von einer starken Energiequelle, die auf ein Wärmebad scheint, getrieben wird.“ Auch auf das von Kampits angesprochene Mängelwesen nahm sie Bezug: „Der Mensch ist motiviert, seine Mängel auszugleichen.“ Ein großes Ziel für die Zukunft müsse die Drosselung der Weltbevölkerung sein, aber nicht durch Kriege oder Auslöschung, sondern durch Bildung.

Mediziner Giesinger ging in seinem Referat auf die vorherrschende Rekord-Lebenserwartung ein. „Wie alt kann man werden? 125 bis 130 Jahre scheint das biologische Potenzial sein“, so Gisinger, der als Beispiel eine 122jährige Französin anführte, die von 1875 bis 1997 gelebt hatte. Es gebe natürlich Probleme im Alter, aber auch genug Optimismus für die Zukunft. Dies belege nicht nur eine sinkende Demenzrate in der Hochaltrigen-Gruppe, sondern auch Beispiele von 100jährigen Marathonläufern. Wichtig sei die Kombination aus physischem und kognitivem Training, um lange fit zu bleiben, so Gisinger abschließend.

Ein Aufruf zum Ungehorsam!

Bereits zum 20. Mal gehen die Internationalen Sommergespräche der WALDVIERTEL AKADEMIE in der ältesten Braustadt Österreichs, Weitra, über die Bühne. Rund 300 Interessierte waren zum Auftakt bei der Eröffnung im Schloss mit dabei.

Gerhard Haderer begeisterte das Publikum

Dabei präsentierte die WALDVIERTEL AKADEMIE schon am ersten Abend eine Fülle von Grenzthemen quer durch alle Lebensbereiche. Im Mittelpunkt stand natürlich die Eröffnungsrede des Karikaturisten Gerhard Haderer. „Satire muss alles dürfen, aber Satire macht nicht alles“, stellte der Zeichner gleich zu Beginn klar, „aber Grenzüberschreitungen sind natürlich ein Metier, in dem wir immer wieder unterwegs sind“. Was dann folgte, war ein kritischer und unterhaltsamer, aber genauso inspirierender Vortrag, den Haderer mit einer Vielzahl seiner satirischen Cartoons hinterlegt.

Haderer sparte dabei nicht mit Kritik an den politischen Verhältnisse in Österreich („Es gibt noch jede Menge braune Haufen!“), sprach aber genauso wichtige Themen wie globale Verteilungsgerechtigkeit, Umweltverschmutzung, Konsumgesellschaft und Flüchtlingskrise an. Dabei schaffte er es stets, ernste Thematiken satirisch und unterhaltsam aufzugreifen. „Ein Unterhalter muss an Grenzen gehen, die nur er definieren darf“, so Haderer, der auch zum Ungehorsam aufrief, dort wo es notwendig ist. Mit der Gründung der Schule des Ungehorsams in Linz hat er in diese Richtung auch bereits selbst einen wichtigen Schritt gesetzt.

Haderer erntete vom zahlreich gekommenen Publikum minutenlangen Applaus, auch WALDVIERTEL AKADEMIE-Geschäftsführer Christoph Mayer meinte im Anschluss: „35 Jahre WALDVIERTEL AKADEMIE, das Thema ‚Grenzen‘ – nichts könnte hier besser passen als die Freiheit der Kunst!“

Die offizielle Eröffnung der Internationalen Sommergespräche nahm im Anschluss Landesrat Martin Eichtinger („Ich bin ein großer Fan von Haderer.“) vor, der auch eine Vielzahl an wichtigen grenzüberschreitenden Projekten in den Mittelpunkt rückte. Großen Applaus ernteten auch Barbara Koller und Marlene Duschlbauer, die mit Geige und Cello für die perfekte musikalische Umrahmung sorgten.

Das Bühnenbild wurde auch in diesem Jahr von Schülerinnen und Schülern der Mittelschule Weitra gestaltet. Gemeinsam mit Graffiti-Künstlerin Sarah Kupfner ist ein Kunstwerk entstanden, welches die (grenzenlose) Lebenswelt der Jugendlichen darstellte.

„Ein würdiger Eröffnungsabend, der durch den Vortrag und die Cartoons von Haderer in diesem Jahr auch in einer ganz besonderen Form abgelaufen ist“, freute sich Mayer über den gelungenen Sommergespräche-Start.