Müssen alle an einem Strang ziehen!

„Landarzt adé. Medizinische Primärversorgung im Waldviertel im Jahr 2030“ lautet der Titel einer Diskussion der WALDVIERTEL AKADEMIE (in Kooperation mit der Niederösterreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin) am 22. September 2017 im Gemeindesaal Windigsteig. Der Andrang dazu war groß, fast 150 Interessierte waren, unter ihnen auch viele Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gesundheitsbereich, gekommen.

Wie sieht das Gesundheitssystem der Zukunft aus und wie kann die medizinische Versorgung auch in ländlichen Gebieten wie im Waldviertel angesichts der steigenden Zahl an fehlenden Allgemeinmedizinern gesichert werden? Diese Fragen stellten den Grundtenor der Veranstaltung zu einem hochaktuellen Thema dar. Josef Baum, Ökonom und als Obmann des Verkehrs- und Regionalforums Waldviertel aktiv, stellte gleich zu Beginn klar: „Das Gesundheitssystem ist spitze, aber die Frage der Verteilung in räumlicher und sozialer Hinsicht ist wichtig.“ Er berichtetet, dass mehr als die Hälfte der Vertragsärzte in der Region über 55 Jahre alt seien. „Wie sind diese Stelle nachzubesetzen und mit welchem Geld?“, so Baum, der auch von einer insgesamt vergleichsweisen höheren Versorgungsdichte sprach, was aber in einer Region mit geringer Bevölkerungsdichte nur wenig Aussagekraft über den realen Zugang zu medizinischer Versorgung hat.

DSC_0107Aus den Regionen berichteten Bürgermeister Karl Harrer (Kleinregion Waldviertler StadtLand) und Bürgermeisterin Anette Töpfl (Zukunftsraum Thayaland). Hier wurde erstmals auch ein direkter Appell (weitere sollten folgten) an die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse (trotz Einladung konnte kein Vertreter für diese Diskussion gewonnen werden) gerichtet. „Die NÖ GKK ist bestrebt, diese Stellen, die frei werden, nachzubesetzen“, so Harrer. Töpfl sprach von positiven Beispielen in Thaya und Gastern, wo für pensionierte Landärzte ein Nachfolger gefunden werden konnte. „Um hier perfekte Voraussetzungen zu schaffen, ist aber auch ein großer finanzieller Aufwand, oft zwischen 100.000 und 300.000 Euro, notwendig“, so Töpfl, die betonte: „Wir müssen unsere Region positive darstellen und mit der Lebensqualität vor Ort werben.“

Susanne Rabady, selbst Allgemeinmedizinerin in Windigsteig, lenkte die Aufmerksamkeit dann auf die Ausbildung. „Allgemeinmedizin ist kein anerkanntes Fach, das ist eine Katastrophe. Es gibt keine ausreichende Ausbildung zum Hausarzt“, so Rabady. Sie selbst genieße ihren Beruf, dennoch sei für junge Ärzte eine Niederlassung auf dem Land ein Risiko für die Zukunft, dass schwer abschätzbar sei. „Die finanziellen und bürokratischen Hürden sind hoch, die Arbeitszeiten sind natürlich auch nicht toll“, so die Ärztin, die auch forderte: „Wir brauchen ein Maßnahmenpaket, dass alles gemeinsam behandelt und wieder mehr Landärzte in die Regionen bringt. Es gibt immer noch keine Finanzierung für den Ausbildungsbestandteil Lehrpraxis, hier ist dringlichst das Bundesgesundheitsministerium am Zug.“

Der Allentsteiger Gemeindearzt Karl Danzinger berichtete, dass im Waldviertel derzeit drei Landarzt-Stellen vakant seien. „Wo sollen diese Ärzte herkommen?“, fragte Danzinger, der auch die Idee der Primärversorungszentren kritisierte. „Wie sollen die Ärzte hier bezahlt werden? Für die ländlichen Regionen ist so ein Zentrum sicher nicht geeignet. Primärversorgungszentren sind nur in den Städten möglich, aber was ist dann mit den anderen Orten in der Region?“

Stichwort für Silke Eichner, die selbst in Oberösterreich im Gesundheitszentrum „die Hausärtze“ in Enns tätig ist. „Wir hatten lange Vorbereitungen, sind aber nun froh, dass wir dieses Zentrum haben und arbeiten mit allen Beteiligten sehr gut zusammen“, so Eichner. Im Zentrum sind neben den Allgemeinmedizinern u.a. eine diplomierte Krankenschwester, eine Logpädin, eine Physiotherapeutin, ein Sozialarbeiter, eine Ergotherapeutin und eine Diätassistentin tätig. „Gerade für ältere Patienten ist das ein Vorteil. Jeder hat seinen Hausarzt, das Zentrum wurde gegründet, um die ärztliche Versorgung sicherzustellen.“

Ulrike Schuster, frei praktizierende Hebamme aus Hoheneich, Amra Karadza, leitende Pflegefachkraft beim NÖ Hilfswerk, Volkshilfe-Regionalleiterin Gerlinde Oberbauer und Caritas-Pflegedienstleiterin Helga Tersek berichteten im Anschluss auch aus ihrer erlebten Praxis. „Wir müssen auch Fachärzte nachbesetzen, nicht nur Allgemeinmediziner“, erinnerte Schuster. „Wir sind auf unsere Hausärzte angewiesen“, war der Tenor der Diskutierenden, „ohne sie werden wir am Land nicht überleben können.“ Tersek ließ zum Ende auch aufhorchen: „Uns geht es in der Hauskrankenpflege auch nicht besser, haben einen Mangel an dieser Berufsgruppe.“

Im Anschluss an die Ausführungen auf dem Podium war auch das Publikum gefragt, sich in die Diskussion einzubringen und Fragen zu stellen. Andreas Gold, Radiologe aus Waidhofen, stellte dabei emotional seine Sicht der Dinge dar: „Wir sind in der Phase der Reanimation, was unser Gesundheitssystem betrifft. Wir bilden zu wenig Ärzte aus, die Zugangsbeschränkung ist unglaublich. Wenn wir keine Ärzte haben, können wir auch keine ausbilden. Weg mit den Zugangsbeschränkungen, Bildung muss frei sein.“ In eine ähnliche Kerbe schlug auch Litschau-Gemeindearzt Christoph Ehrlich: „Die jungen Ärzte fühlen sich nicht gut genug ausgebildet für die Position des Allgemeinmediziners. Das ist eine Katastrophe.“  Auch Christoph Preissl, Gemeindearzt in Kirchberg/Walde, übte Kritik: „Die Gebietskrankenkasse ist dafür verantwortlich, dass die Versorgung gegeben ist, es ist unglaublich, das hier heute kein Vertreter anwesend ist. Wir brauchen Visionen und neue Modelle für die Region, alle Player müssen an einem Strang ziehen.“

Dabei ist natürlich auch die Politik gefragt. Gerald Matzinger, Bürgermeister in Groß Siegharts, schilderte die Schwierigkeit, die Nachfolge von Ärzten in den Gemeinden zu regeln. „Wichtig ist, dass wir zusammenhalten. Was ich so höre, sollten wir die Ausbildung auf jeden Fall hinterfragen. Aber eines ist klar: Ich lechze nach jedem Arzt, der will.“ Bundesrat Eduard Köck berichtete von der erfolgreichen Nachbesetzung der Praxis in Thaya, bezog danach aber auch Stellung: „Wir müssen das Waldviertel attraktiv darstellen und versuchen, die Menschen an uns zu binden. Dann ist es möglicherweise einfacher, auch Ärzte für die Region zu gewinnen.“

„Die fundierten Beiträge am Podium und im Publikum zeigten klar, dass die Sorge um die notwendige Primärversorgung im Waldviertel berechtigt ist“, zog Ernst Wurz, Vorsitzender der WALDVIERTEL AKADEMIE Resümee, „wir werden daher an diesem Thema dran bleiben und die Lösungsvorschläge an die Verantwortungsträger weiterleiten.“

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